Hebebühne für Artistenwerk

WAZ Waltrop, 11.07.2004

Im Spagat schwebt Beatrix Thomas an Seilen aus rotem Tuch hoch über dem Trog des Alten Schiffshebewerks. Arien aus Leo Delibes Oper Lakmé erklingen, als die Artistin sich in den Nachthimmel erhebt.

Das Alte Schiffshebewerk wurde in der langen Nacht der Industriekultur zum Artistenwerk. Sein stählernes Fachwerk diente den Künstlern als Trapez. Wie einst die Schwimmer des Schiffshebewerks tief unter seinem Trog erhielten die Trapezkünstler an unsichtbaren Seilen hoch oben Auftrieb.

Zur Musik des Jazzers Jan Gabarak vollführte Artist Stefan Schicklgruber in weißes Tuch gehüllt akrobatische Hebefiguren. Engel, Elfen, Faunkönige, Schmetterlinge glaubten viele der gut 500 Zuschauer zu sehen, die sich um Mitternacht auf den Treppen und Gängen des Waltroper Industriemuseums drängten.

Statt einer Drehscheibe wie im vorigen Jahr war das Museum in dieser Nacht eine Art Endstation. Es lag wie in einer Sackgasse. Vom Alten Schiffshebewerk führte kein Weg mehr direkt weiter zu den anderen Spielorten. Dazu mussten die Nachtbummler mit Bussen oder Bahn erst eine Station zurück fahren.

Weit weniger Besucher als in der vorigen Nacht der Industriekultur tummelten sich daher im Museum. "Das hat ganz sicher damit zu tun, dass wir hier diesmal keine Drehscheibe sind", sagte Museumsleiter Herbert Niewerth. "Da war der Andrang der Besucher schier überwältigend", sagte er. Doch auch in dieser Nacht der Industriekultur war das Museum als Anhängsel der Drehscheibe Zeche Zollern ein kleiner Publikumsmagnet.

Viele Besucher ließen sich die Fahrt mit einem der Schiffe durch die Nacht nicht entgehen. Sieben Fahrgastschiffe, Lösch- und Polizeiboote sowie historische Schiffe aus der Museumsflotte legten alle Viertelstunde in beiden Vorhäfen des Museums ab. Das in mildes Licht getauchte Alte Schiffshebewerk vom Wasser aus zu sehen, war für viele eine kleine Attraktion. Da in der Nacht der Industriekultur extra auch das neue Schiffshebewerk in Betrieb war, erlebten die Fahrgäste an Bord der Museumsschiffe, was sonst oft nur den Binnenschiffern mit ihren Lastköhnen dient: das Heben und Senken über die Kanalhöhen hinweg.

Die Mabo-Band aus Italien stimmte die Besucher des Museums fröhlich auf die lange Kulturnacht ein. Hoch oben auf den Steg zwischen den beiden Haupttürmen des Schiffshebewerks postierte sich die Band und spielte dann Louis Armstrongs "What a wonderful world". Auf ihrem Marsch übers Museumsgelände trafen sich die Italiener mit dem Chor "Hömma" und boten spontan eine Session mit den Reviersängern. Im fliegenden Wechsel übernahm dann die Dortmunder Steeldrum-Band den Part der Italiener.

Die Wartezeit bis zur akrobatischen Trapeznummer im GErüst des Schiffshebewerks verkürzten sich die Museumsgäste mit einem Bummel über den Kunsthandwerkermarkt. Zwischen ihnen tummelten sich skurill maskierte Gestalten: Clochards klipperten mit Flaschen, eine Klabauterfrau plauderte mit Besuchern, eine Seemannsbraut lehnte an einem Steg und Hausmeister wie Putzfrau fegten den Gästen hinterher.

Das beleuchtete Schiffshebewerk gab dazu eine prächtige Kulisse ab. Gegen ein Uhr dann, als sich das Museumsgelände leerte, bauten Fotografen ihre Stative auf und bannten das Bauwerk auf die Linse.
11.07.2004   Von Norbert Jänecke